Eine Initiative nordhessischer Künstlerinnen und Künstler
in Zeiten der Corona-Krise

 Peter Christmann
Bretagne
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Bretagne 2
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Island-Brjáslaekur
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Island-Djupavik
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Island-Vesturhorn

Peter Christmann

Die Kunst der Balance und ihr Ende
Orte gestrandeter Schiffskörper in der Bretagne und auf Island
Wasser ist der Gefährte aller Schiffe, wie auch die Weite der Meere, ferne Küsten und tiefe Ozeane. Durch die bauchige, voluminöse Form eines Schiffes wird im Wasser ein Auftrieb erzeugt, der seinem Gewicht entgegenwirkt. Ist der Auftrieb größer als sein Gewicht, schwimmt das Schiff oben an der Wasseroberfläche. Der Auftrieb ist gleich dem Gewicht der verdrängten Wassermenge. Die Anziehungskraft der Erde wird durch die Auftriebskraft des Wassers also kompensiert. Jeder Schiffskörper vollzieht ein Spiel mit der Balance der Auftriebskräfte.
Gerät dieses Spiel der Balance durch Einwirkung von starken Kräften außer Kontrolle, dann kann ein Schiff sinken oder wird harsch an den Rand eines Gewässers geworfen - es strandet. Die Kräfte der Erdanziehung entfalten ihre Wirksamkeit, leiten eine Havarie ein.
Mit der Zeit wirken die Urelemente Wasser und Luft auf den gestrandeten Schiffskörper ein und mit der Korrosion beginnt auch der Prozess einer oft erstaunlichen Metamorphose. Sichtbar werden wieder jene Konstruktionsteile, die einmal maßgeblich waren für das kunstvoll elegante Gleiten auf dem Wasser.
Der Zersetzungsprozess führt zur Skelettierung und schafft eine neue Ästhetik, eine morbide Kunstform. Mit der Dekonstruktion hat sich der Schiffskörper endgültig von der Rationalität seiner ursprünglichen Aufgabe und der Kunst der Balance auf dem Wasser gelöst.
Für die bretonischen Fischer ist es eine traurige, aber auch pragmatische Verabschiedung von ihren Booten. Die "Cemetière des Bateaux", die bretonischen Schiffsfriedhöfe, sind Orte der letzten Ruhestätte in abgelegenen Buchten, wo man die einstigen Fischereifahrzeuge ihrem Schicksal überlässt. An den einsamen Küsten Islands, wo der Rumpf eines Trawlers durch einen Orkan abrupt auf einen Felsen geworfen wurde, lässt sich die tragische Geschichte der Havarie oft erahnen.
Über viele Jahr habe ich an der bretonischen und isländischen Küsten nach Schiffswracks gesucht und diese fotografisch festgehalten. Viele Wracks sind nicht mehr vorhanden, sind dem Recycling zum Opfer gefallen oder von den Kräften der Natur endgültig aufgelöst worden.
Peter Christmann


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